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1. Zur Geschichte Gandersums und seiner Kirche
Im Urbar der Abtei Werden an der Ruhr - nach der ganz hervorragenden Arbeit von Stadtarchivar Vogelsang aus dem Jahre 1993 über den Missionar Luidger in Leer - wird im II Urbar A „Verzeichnisse des Klosterguts vom Ende des 9. und Beginne des 10. Jhs. mit Nachträgen bis ins 11. Jhd.“ im § 22 „Grundbesitz in der Gegend der unteren Ems“ für den Zeitraum ab ca. 930 „Gondrikeshem“ angeführt, und zwar auf Blatt 23b. Wie der Heimatforscher Houtrouw richtig anführt, ist die rheinisch-fränkische Endsilbe „-hem“ oder hochfränkisch „-heim“ mit der früh-niederländischen Endsilbe „-om“ und der niederdeutschen Endsilbe „-um“ gleichzusetzen. Wir haben es hier also mit einer recht frühen, urkundlichen Erwähnung des heutigen Ortes Gandersum zu tun, der in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts als „Heim eines bedeutenden freien Herrn Gander oder Gunther“ bekannt gewesen sein muss. Dieser selbst oder einer seiner Nachfahren begabt die Abtei Werden mit dem vollen Grundbesitz eines wesentlichen Landstückes in oder bei Gandersum.
Entweder ist dies bereits unter dem Eindruck der Tätigkeit Luidgers selbst geschehen oder durch das Erscheinen der „Vita sancti Luidgeri“ ausgelöst worden. Gleichviel ist anzunehmen, daß in einer Ortschaft, die so eng mit einem der namhaften Klöster der damaligen Zeit verbunden war, zumindest eine Kapelle als Filial der Muttergemeinde in Loga bestanden haben wird. Diese wird später - ausgebaut und vergrößert - der Präpositur Emden des Bistums Münster unterstellt worden sein. Eine eingehende archäologische Untersuchung am heutigen Standort der Kirche dürfte hierzu interessante Aufschlüsse bringen. Die Warft mit dem Friedhof ist nicht sicher zu datieren, dürfte aber bereits aus der frühen Zeit kurz nach der Christianisierung des Ortes stammen. Die Übernahme der katholischen Bestattungsriten setzt eine sichere Erdbestattung voraus, die aber angesichts der Uferlage des Ortes am Prallufer der Ems nur auf einem künstlichen Hügel, also einer Warft, möglich ist. Die Kirche zeigt vor allem durch den grundlegenden Wiederaufbau von 1958 bis 1962 wenig von ihrem ursprünglichen Charakter. Am Ostgiebel soll sich ein Chorraum / eine Apsis befunden haben, wo bis 1775 die Prediger der Gemeinde beigesetzt wurden; aber schon vor 1780 ist dieser Chor abgebrochen worden. An den Seitenwänden sollen sich mehrere Nischen befunden haben. Ob diese Heiligenbilder oder vielleicht Votivtafeln - wie bei einer Marienkirche sicher zu erwarten - enthielten, läßt sich heute nicht mehr klären.
Noch Houtrouw berichtet von bunten Glasfenstern, wovon eines eine Stiftung einer Familie „von Borsum“ gewesen sei, ein anderes zeigte das Emder Wappen und die Namen der Emder Bürgermeister. Aber diese Glasfenster fielen leider einer Renovierung im ausgehenden 18. Jahrhundert zum Opfer. Die Kanzel muss ebenfalls zu den älteren Besonderheiten der Kirche gehört haben. Houtrouw kennt noch die Umschrift des Schalldeckels: „Haec corona tegens ornamentum est suggestus. Ast verae ecclesiae docus justitiae corona. J. J. Jacobs 1773“: übersetzt: „Diese schützende Krone ist eine Zierde der Kanzel. Aber die Zier der wahren Kirche ist die Krone der Gerechtigkeit.“ Wohl schon bei den Renovierungen des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts gingen diese Zeugen einer strahlenderen Vergangenheit verloren. Doch auch diese Neugestaltungen der Kirche hielten nicht lange vor; es kam zu Schäden an der Kirche. Die Erinnerungen der älteren Gemeindeglieder sind hier nicht ganz einheitlich: einige meinen sich erinnern zu können, daß bereits vor dem Krieg das
Dach undicht wurde und wenig später das Dach einstürzte; andere meinen, daß dies erst im Krieg und durch Beschuß geschah. Schon während des Krieges werden die Gottesdienste nicht mehr in der Kirche, sondern im daneben liegenden Pfarrhaus gehalten. Ältere Photos (nicht mehr sicher zu datieren) der Kirche jedenfalls zeigen eine Ruine, die von Efeu überwachsen ist.
1958 werden erste Pläne für einen Wiederaufbau der Kirche geschmiedet; unter Leitung des landeskirchlichen Architekten Haddinga wird der Bau 1962 vollendet. Weitgehend hat man die vorhandene Bausubstanz verwendet, allerdings wurden auch wesentliche Charakteristika des alten Baues nicht wieder berücksichtigt. Die Aufteilung der Bänke ist verändert, ebenso der Platz von Orgel und Kanzel. Bis 1985 versuchte die Gemeinde, die im Mauerwerk aufsteigende Feuchtigkeit mit konventionellen Mitteln zu bekämpfen. Schließlich sorgte eine Radikalkur für eine hoffentlich dauerhafte Beseitigung des Problems: vor eine Feuchtigkeit isolierende Schicht wurde eine Mauer aus Klostersteinen im alten Format an drei Innenwänden errichtet. Wiederum wandelte sich der Charakter der Kirche - hoffentlich zum Besseren.
Der Glockenturm ist an der Westseite angebaut, deutlich niedriger als die Firsthöhe der Kirche. Bei Arbeiten zur Sicherung des Fundamentes wurden keine Hinweise auf eine bauliche Ausdehnung des Langhauses in diese Richtung gefunden. Es scheint, als sei der Turm an der ursprünglichen Stelle erhalten.
Seit Jahren schon bemüht
sich der Kirchenrat um eine Renovierung des Äußeren der Kirche.
Aus eigenen Mitteln heraus waren diese Maßnahmen nicht zu finanzieren;
wir sind auf Unterstützung angewiesen. Der größte Teil der
Außensanierung steht aber immer noch aus: die Neuverfugung und
Ausbesserung des Außenmauerwerkes an den Längswänden.
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2. Die Glocke von Gandersum
Die Glocke, oder sollte man besser sagen „Die Glocken“? Denn die älteste Gandersumer Glocke, die „Marienglocke“, datiert von 1458. Sie wird dem Glockengießer Gherd Klinghes zugeschrieben und trägt folgende Umschrift: „ao dni mcccclviii maria ik hete in de ere vnser leve vrouwen bin ik laten gheten“; es folgen die Heiligennamen „s peter . s paulus . s johanes . s iacobus. s andreas. s thomas. s bartholomeus . s matheus . s marcus philippus . s simon iude. s katarina margreta . s barbara . s cecillia . 1912 stellt die Gemeinde diese Glocke der Emder Kunst zur Verfügung.
Dort, im Emder Rathaus, kann die Glocke noch heute besichtigt werden. Sie steht, kaum beachtet und ein wenig verloren neben einem Treppenabgang. Nach Auskunft des neuen Museumsleiters soll sie in einer neuorganisierten Ausstellung besser präsentiert werden als ein Zeugnis spätmittelalterlicher Bronzekunst.
Im gleichen Jahr verkauft die Gemeinde eine weitere Glocke zum Einschmelzen; diese wurde 1582 von Hans der Borch in Emden gegossen. War dies vielleicht eine im Dachreiter aufgehängte Stundenglocke?
Um nun nicht gänzlich ohne Geläute zu sein, erwirbt man ebenfalls 1912 eine Glocke von der Gemeinde Borssum, die der Glockengießer Klas Garbrants 1774 gegossen hat. Sie trägt die Umschrift: „Klas Garbrants tot Kloster Blauhuis me fezit et fudit ao 1774. Si deus pro nobis, quis contra nos. Soli deo gloria“.
In einer zweiten Umschrift heißt es: „deese Kloke is van den interesenten en van de heele Gemeente tot Klein Borssum mit vriwillige giften gegoten tot ere van Godt en tot Ziradt van de Gemeente. 1k ben een gegludt van warde, ik roep de levendigen tot Gods huis en de doden tot der arde“. Diese Glocke tut noch heute ihren Dienst.
Im Zuge der Renovierung der alten Borssumer Kirche kam der Vorschlag auf, dort die seinerzeit an uns verkaufte Glocke aufzuhängen. Nach langen und schwierigen Beratungen und einer Gemeindebefragung hat der Kirchenrat dann im Frühjahr 2000 dem Glockentausch zugestimmt. Am 7. Juli 2000 wurde bei der Firma Rinckert im Westerwald eine neue Glocke gegossen, die folgende Umschrift trägt: Ick wur goten för de Gemeen Gannersum in’t Johr 2000 för de 1913 von de Gemeen Borssum köffte un nu torüggeben Klock. In der Mitte der Glockenflanke ist dreimal in gleichmäßigen Abständen das Ganderumser Kirchensiegel zu sehen.
In einem unteren Schriftband steht dann die Engelsbotschaft aus dem Weihnachtsevangelium: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen, sowie als Reminiszenz an die Borssumer Glocke deren niederländisches Votum in deutscher Übersetzung Ich rufe die Lebenden in Gottes Haus und die Toten zur Erde. Am 4. September 2000 erklang diese Glocke zum ersten Mal über den Dächern Gandersums.
Im Zuge des Glockentausches mit der Gemeinde Borssum
im Jahre 2000 hatten wir uns in Gesprächen mit dem Emder Museum
darum bemüht, die Marienglocke von 1458 wieder nach Gandersum
zu holen. Dies ist leider am Widerstand des Museumsvorstandes
gescheitert. Aber vielleicht gibt es ja die Möglichkeit, von
der alten Glocke einen Abguss herzustellen und diesen dann in
Gandersum wieder aufzuhängen. Dann hätte Gandersum ein zweistimmiges
Geläut und der Zustand vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts
wäre wieder hergestellt.
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3. Die Orgel von Gandersum
Die Orgel hat eine ähnlich bewegte Geschichte wie die Kirche. Über frühere Orgeln ist nichts bekannt. Erst 1869 wird von einem umfangreichen Orgelpositiv berichtet, das offenbar doch als Ersatz für ein älteres Instrument in die Kirche nach Gandersum kommt.
1938 wurde die jetzige Orgel in Gandersum aufgestellt. Der Norder Orgelbauer Karl Puchar, der seine Werkstatt in Emden unterhielt, pflegte dieses Instrument über lange Jahre. Als die Kirche ab 1938 nicht mehr zu nutzen war, wurde die Orgel nach Emden ausgelagert. Bis zur Wiederingebrauchnahme der Gandersumer Kirche tat sie ihren Dienst dort in der Schweizer Kirche. 1962 kam die Orgel wieder zurück in die Gandersumer Kirche und wurde von der Firma Führer in Wilhelmshaven gewartet. In den achtziger Jahren stellten sich erhebliche Schäden am Instrument ein. Nach längeren Bemühungen um die Finanzierung der Reparaturkosten wurde die Orgel in den Jahren 1990/91 in Winschoten von den Orgelbauern van der Putten / Veger grundlegend restauriert. Dabei wurde festgestellt, daß es sich hier nicht um einen Neubau durch Puchar handelt; vielmehr ist es ein sehr viel älteres Instrument, als Hausorgel unter Verwendung noch älterer Teile im 18. Jahrhundert gebaut. Bei der Renovierung hat man daher versucht, den ursprünglichen Charakter des Instrumentes sowohl äußerlich als auch vom Klang her weitestgehend wiederherzustellen. Dies ist den genannten Orgelbauern in bewundernswerter Weise geglückt.
Die Orgel ist zu einem von der Gemeinde geliebten Schmuckstück in der Gandersumer Kirche geworden. Sie hat einen kräftigen, dabei sehr musikalischen Klang, der den Gemeindegesang würdig unterstützt und leitet. Mit der Firma van der Putten / Veger ist ein Wartungsvertrag abgeschlossen worden, so daß wir die Hoffnung haben, daß dieser gute Zustand uns über lange Jahre erhalten bleibt. Inzwischen ist auch ein konstruktionsbedingter Mangel behoben: das Wellenbrett wurde komplett erneuert, so daß nun die Orgel auch durch Feuchtigkeits- und Temperaturschwankungen nicht mehr so stark beeinträchtigt wird. Sie ist ein sehr musikalisches und für die Zwecke unserer Gemeinde mehr als ausreichendes Instrument.
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