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1. Zur Geschichte Tergasts und seiner Kirche
Die Kirche in Tergast steht auf einer künstlichen Anhöhe, etwa 8,5 m über N.N. Wie Grabungen der Ostfriesischen Landschaft im Herbst 1991 ergeben haben, ist dieser Hügel in besonderer Weise aufgeschichtet: Jeweils eine Lage säuberlich verlegter Backsteine wechselt mit einer ca. 40 cm starken Sandschicht. Nach Auskunft der Ostfriesischen Landschaft ist eine ähnliche Ausführung einer Kirchwarft nur von Altfunnixsiel her bekannt.
Das Kirchengebäude scheint eine recht bewegte Vorgeschichte zu haben: Bei den Grabungen zur Sicherung des Turmfundamentes wurden einige Reste freigelegt, die darauf schließen lassen, daß es vor der jetzigen Kirche bereits einen anderen Bau an gleicher Stelle gegeben hat.
Ein Patrozinium (Ortsheiliger und / oder Namenspatron der Kirche) ist nicht bekannt; vielleicht war die Kirche den vierzehn Nothelfern (die Anzahl der Blendnischen im Lettner könnte hierauf hinweisen) geweiht, spätestens mit dem Bildersturm nach der Reformation wurden die Hinweise hierauf leider vernichtet.
Die Kirche ist in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts gebaut worden. Die Klostersteine weisen ein recht großes, ungewöhnliches Maß auf. Ursprünglich hatte der Bau eine halbrunde Apsis, die - vielleicht im Zusammenhang mit dem Einbau des Lettners um 1400 - später rechtwinklig erweitert wurde. An der Außenwand des Ostgiebels sind noch heute die unsachgemäßen Flickstellen im Mauerwerk zu sehen. Auch kann man in der Anordnung der Backsteine noch Andeutungen eines Stufengiebels entdecken. Sehr schön gearbeitet und harmonisch in der Form sind die beiden gotischen Spitzbogenfenster im Ostgiebel und ein einzelnes Fenster auf der Südseite im Bereich des ehemaligen Altarraumes. Vermutlich hatten auch die übrigen Fenster der Kirche die hier verwandte Form.
Der hintere Zugang zur Kirche ist recht schmal, hier werden einige Bögen des alten Turmstumpfes genutzt. Der Lettner stellt eine architektonische Besonderheit dar. Einmalig im Kirchenbau Ostfrieslands ist der Lettner mit vier Bögen ausgeführt. Vor den beiden äußeren Blendbögen standen Seitenaltäre; die Stellen, an denen die Altarplatten in die Wand eingelassen waren, sind noch deutlich zu erkennen. Leider ist sonst von den Altären nichts erhalten geblieben. Unter dem jetzigen Fußboden könnten sich allerdings im ursprünglichen Belag noch Hinweise auf deren Grundriß erhalten haben. Nur die beiden mittleren Bögen gaben den Blick auf den Chorraum frei. Darüber sind je sieben angedeutete gotische Spitzbögen neben einer zentralen Nische zu sehen. Aus den Beschreibungen von ähnlichen Kirchen vor der Reformationszeit und dem Bildersturm darf man schließen, daß sich hier Darstellungen von biblischen Gestalten oder Heiligen (14 Nothelfer?) befunden haben. Bei der Renovierung 1984 wurde durch die farbliche Gestaltung der Lettnerwand (aufgemaltes Backsteinmuster, farbliche Abhebung der Mauernischen) versucht, etwas von ihrem ursprünglichen Charakter wieder sichtbar zu machen.
In den Nischen des Lettners wurden nach der teilweisen Renovierung des Chorraumes die Grabplatten von dort aufgestellt, die über lange Zeit im Boden des ehemaligen Chorraumes gelegen hatten.
Die ursprüngliche Gestaltung des Chorraumes läßt sich ebenfalls nur vermuten. Durch Begräbnisse von Tergaster Pastoren und deren Ehefrauen bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein sind etwaige Hinweise auf Grundrisse des Altars usw. gründlich zerstört. Ein Übriges tat der Einbau einer Leichenhalle gleich hinter der Lettnerwand in den sechziger Jahren. Allerdings sind glücklicherweise an der Ostgiebelwand zwei gotische Spitzbogenfenster mit ehemals roten Seitenleibungen erhalten geblieben. Zusammen mit dem ebenfalls erhalten gebliebenen Fenster in der Südwand des Chores lassen sie noch etwas von der ursprünglichen Baugestaltung erahnen.
Auch die Sakramentsnische ist noch in der Nordwand des Chores zu sehen. Deren Öffnung nach außen ist später zugemauert worden, vielleicht zusammen mit der Schließung der vier Prozessionstüren an den Seitenwänden. An der Südwand ist eine weitere Nische zu sehen; hier wird eine Heiligen- oder Stifterfigur ihren Platz gehabt haben.
Die Hälfte des Chorraumes wird derzeit als Abstellraum genutzt. Angesichts des kunsthistorischen Wertes dieses Teils der Kirche sollte hier unbedingt eine andere Lösung gefunden werden.
Auch bekundet die Ostfriesische Landschaft erhebliches Interesse daran, zumindest Sondierungsgrabungen in diesem Teil der Kirche durchzuführen, um weiteren Aufschluß über die Entstehungsgeschichte zu erhalten. In diesem Raum wird derzeit auch - für die interessierte Öffentlichkeit leider unzugänglich - eine historische Totenbahre aus dem 18. Jahrhundert aufbewahrt. Im jetzigen Kirchraum fällt auf, daß die Nordwand bis auf eine kleine Öffnung neben der Orgel fensterlos ist. Dafür ragen an der Südwand drei deckenhohe Fenster, die im oberen Bereich sehr unfachmännisch ausgeführt sind - vielleicht ein Hinweis darauf, daß die Deckenkonstruktion in früheren Zeiten anders ausgeführt war (Gewölbedecke? Tonnendecke?). Die jetzige Balkendecke wurde 1984 eingezogen, nachdem die vorherige wegen Baufälligkeit entfernt werden mußte. Schon frühere Generationen hatten mit Baumängeln zu kämpfen. So fiel zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Westgiebel des Langhauses einem Sturm zum Opfer. Die Kirche wurde verkürzt, eine neue Wand mit deutlich kleineren Backsteinen hochgezogen und auf den Resten des Giebels und unter Verwendung älterer Gewölbe der heutige Glockenturm gebaut.
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2. Die Glocke in der
Tergaster Kirche
Die Glocke wurde von Mammeus Fremy aus Burhafe (1835 - 1927) im Jahre 1865 gegossen. Der Durchmesser beträgt ca. 120 cm, das Material ist Bronze. Das Gewicht der Glocke und die Stimmung können heute, da die Unterlagen leider bei der Gemeinde nicht vorhanden sind, nur geschätzt werden. Es beträgt ca. 1.000 kg, woraus sich als Glockenton f’ ergibt. Die Glocke trägt folgende Umschrift:
„GEGOSSEN IM JAHRE 1865, ALS J. C. HEMKES PASTOR, H.J.D. DINKELA LEHRER UND S. MEINERTS, NA. VAN MARK, H. TERGAST UND H.G. BEEKMANN KIRCHENVORSTEHER WAREN“,
sowie das Glockenmotto:
„VIVOS VOCO, MORTUOS PLANGO, FULGURA FRANGO”
Als Name des Gießers ist »H. FREMY« angegeben, doch es muß wohl «M.» heißen (eben für Mammeus); ein H. Fremy ist nicht weiter bekannt. Durch den Einsatz von Mitarbeitern in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wurde 1990 die Glockenstube teilweise instandgesetzt; eine Erneuerung der Türen in den Schallochern konnte ebenfalls vorgenommen werden. Auch gegen Vogeleinflug ist die Glockenstube nun zuverlässig geschützt. 1994 mußte der Glockenmotor ausgetauscht werden, da das alte Modell nach 44 Jahren nicht mehr zu reparieren war.
Die Glocke wird von einer elektrischen Läuteanlage der Firma HEW angetrieben. Die Steuerung erfolgt seit der letzten Renovierung der Kirche im Jahre 1984 über eine digitale Zeitschaltuhr. 8 Uhr, 12 Uhr und 18 Uhr sind die täglichen Läutezeiten: Vigil, Non und Vesper nach katholischer Zählung - oder Arbeitsbeginn, Mittag und Arbeitsende nach evangelischem Verständnis. Sonn- und Feiertags ruft die Glocke um 10 Uhr und um 10.25 Uhr zum Gottesdienst. Zum Traugottesdienst wird für fünf Minuten geläutet.
Die alte Sitte des „Verläutens“ hat sich in Tergast noch erhalten: Verstorbene werden bei der Überführung nach Tergast - sobald der Leichenwagen die Gemeindegrenze Überschritten hat - über ca. 45 Minuten „verläutet“; am Tag vor der Beerdigung läutet die Glocke wiederum und lädt zum Trauergottesdienst ein.
Das Neujahrsläuten erfolgt traditionsgemäß in der Zeit von O Uhr bis 1 Uhr mit drei ca. fünfminütigen Unterbrechungen. Aus der Gemeinde war vor einiger Zeit angeregt worden, nach den Gottesdiensten ebenfalls zu läuten - was seitdem auch mit großer Zustimmung praktiziert wird.
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3. Zur Geschichte der Tergaster Grabplatten
Beredte Zeugen der Tergaster Kirchengeschichte sind die Grabplatten, die nach der teilweisen Renovierung des Chorraumes 1997 in den Lettnernischen aufgestellt wurden. Über Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte, hatten sie unbeachtet im Fußboden gelegen, bevor sich der Kirchenrat entschloß, die Grabplatten aufzustellen und im Kirchenraum der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Die Inschrift der ersten Platte, rechts neben dem vorderen Eingang, lautet: SOPHIA ELISABETH STOSCHUIS,
EENIGSTE DOGTER VAN WYLEN J. A.
STOSCHUIS, RAADSHHER TE EMDEN, EN
MR. W. GEB. HEYKHS, 15 GEB. TE EMDEN
D. 2. JUN. 1765. GEHUWD MET 0.
GALAMA. VON SENDEN. PRED. ALHIER D.
20. APR. 1784 EN HOYER LEEDEN D. 9.
IUL 1799 SCHOON MYN VLEESCH IN'T
GRAF VERTHERD, RAS TOT STOF IS WEER
GEKEHRD, ZAL IK EENS HIER UIT
VERRUYZEN, IUICHEND OPSTAAND UIT
DIT GRAF; EN HEM; DIE MY TLEVEN GAF,
MYNEN HEILAND, EEUWIG PRYZEN.
Der holländische Text (Niederländisch war bis ins neunzehnte Jahrhundert die Kirchensprache in Ostfriesland) ist ungefähr so zu übersetzen:
„SOPHIA ELISABETH STOSCHUIS,
EINZIGE TOCHTER DES VERSTORBENEN
J. A. STOSCHUIS, RATSHERR ZU EMDEN,
UND VON FRAU W., GEB. HEYKES;
GEBOREN AM 2. JUNI 1765. VERHEIRATET
AM 20. APRIL 1784 MIT O. GALAMA VAN
SENDEN, PREDIKANT ALLHIER,
VERSTORBEN AM 9. Juli 1799
SCHON IST MEIN FLEISCH IM GRAB
VERWEST, RASCH ZU STAUB GEWORDEN.
DOCH SOLL ICH EINST VON HIER
HERAUSKOMMEN, JAUCHZEND
AUFERSTEHEN AUS DIESEM GRAB, UND
IHN, DER MIR DAS LEBEN GAB, MEINEN
HEILAND EWIG PREISEN.“
Zur Person von Sophia Elisabeth Stoschuis findet sich in unseren Kirchenbüchern eine Fülle von Informationen: die erst 18 Jahre alte Braut bekommt bereits ein Jahr nach der Eheschließung die erste Tochter, Elisabeth. Das nächste Kind, der erste Sohn Johann Adolph, am 13. Dezember 1767 geboren, tragt den Nachnamen der Mutter: Stoschuis. Es folgen weitere Kinder Herman Wilhelm 1789, danach 1791 eine Totgeburt, dann 1793 Wendelina Regina Johanna. 1795 eine weitere Elisabeth; es folgen 1797 Johanna Hendrika und am 15. Mai 1799 Engelina Theodora Dydrer.
Diese letzte Geburt scheint mittelbar auch die Todesursache gewesen zu sein. Die Mutter stirbt am 9. Juli 1799 an Entkräftung, am 12. Oktober des gleichen Jahres die Tochter Engelina, ebenfalls an Entkräftung, wie es im Sterberegister heißt. Der entsprechende Eintrag im Kirchenbuch - von Otto van Senden eigenhändig geschrieben - beginnt mit den Worten: „ Die herzlich geliebte Ehefrau von Pred. O.G. van Senden ..." Auch wenn sich diese Lebensdaten für uns recht dramatisch lesen, für die damalige Zeit waren sie nichts außergewöhnliches. Es kam häufig vor, daß Frauen nach ihrer Heirat in kurzen Abständen fünf, sechs, ja sogar acht Kinder bekamen. Nur ein oder zwei davon wurden älter als drei, vier Jahre. Und auch einige Mütter verstarben, bevor sie das vierzigste Lebensjahr erreichten.
Der Witwer Otto Galama van Senden übrigens heiratete am 25. März 1804 in Tergast die 36-jährige Gebkea Brons aus Leer, die 1846 im Alter von 72 Jahren in Tergast verstarb. Pastor van Senden selbst bleibt bis zu seinem Tod am 4. Oktober 1837 in Tergast. Bis zum September dieses Jahres führt er noch die Kirchenbücher, scheint also noch 77-jahrig im Dienst gewesen zu sein - bevor er recht plötzlich im Oktober verstarb. Immerhin: über einen Zeitraum von 54 Jahren war van Senden in Tergast als Pastor tätig. Der Eintrag im Sterberegister ist leider in einer unleserlichen Handschrift erfolgt, so daß über die Todesursache nichts gesagt werden kann.
Und hier nun die Inschrift der zweiten Platte, im mittleren Bogen hinter der Kanzel links:
REV:ET DOCTISS. DN. ALDRICK ALDRICKS
OORTH ECCL. OLDERSUME GASTANA PER
XX FLRE. ANNOS PASTOR FIDEISS. HAC
URNA OBVE LALT. IACT. NATUS AO.
MDCXXXIV DENATUS MDCLXXXVI DEN 4.
MAI.J
Es folgt eine Wappenfläche, darunter: SYMB.: QUOD SUM HOC ERITIS
FUI QUANDOQ.. QUOD ESTIS.
sowie der Zusatz: FECIT A. H. OORTH
S.S.TH.ST.
Eine Übersetzung, bzw. Übertragung lautet etwa wie folgt:
DEN VEREHRUNGSWÜRDIGEN UND
ÜBERAUS GELEHRTEN HERRN ALDRICK
ALDRICKS OORTH, DER KIRCHE ZU
OLDERSUMER GAST GLÄUBIGSTER PASTOR
ÜBER 20 BLÜHENDE JAHRE, UMHÜLLT HIER
DIESE URNE. ER IST GEBOREN IM JAHRE
1634, GESTORBEN 1686 AM 4. MAI.
Die Abkürzung „SYMB.“ könnte „Symbolum“ im Sinne von „Glaubensbekenntnis“ bedeuten: WAS ICH BIN, DAS WERDET IHR SEIN
ICH BIN IRGENDEINMAL GEWESEN,
WAS IHR (JETZT) SEID.
Leider ist über Pastor Oorth nicht viel bekannt. Am 14. Januar 1667 hat er seine Stelle in Tergast angetreten; so schreibt er selbst ins Kirchenbuch. Wo er geboren ist, in welcher Gemeinde er vorher gewesen ist, davon wird nichts erwähnt. Vielleicht deutet der Zusatz auf seine Ehefrau oder eins der Kinder hin.
Und schließlich der letzte Stein, rechts an der Wand, meist von der Kanzel verdeckt. Dies ist die älteste Grabplatte, arg verwittert und darum schwer zu entziffern:
ANNO 1658 DEN 24. APRIL IS DER
EHRSAMEN UND VOERNEHMER HANS
PETERS IN DEN HEREN GERUST SINES
OLDERS 40 JAHREN – VERWARTET MET
ALLEN CHRISTGELOVIGEN EIN VROLYKE
UPERSTANDIGE TOM WIGEN LEVENDE
Übersetzt:
IM JAHRE 1658, AM 24. APRIL, IST DER
EHRSAME UND VORNEHME HANS PETERS IN
DEM HERRN ENTSCHLAFEN, IM ALTER VON
40 JAHREN - ER ERWARTET ZUSAMMEN MIT
ALLEN CHRISTGLÄUBIGEN EINE FRÖHLICHE
AUFERSTEHUNG ZUM EWIGEN LEBEN.
Wie gesagt, manche Buchstaben sind sehr verwittert, diese Platte hat lange Zeit auf dem Friedhof gelegen und hat auch im Chorraum der Kirche später manchen Kratzer abbekommen.
Bei Hans Peters scheint es sich um einen angesehenen Bürger - vielleicht Bauern - aus Tergast zu handeln, der auch für die damalige Zeit früh verstorben ist. Leider beginnen unsere Kirchenbücher mit ihren Aufzeichnungen erst drei Jahre nach seinem Tod; somit ist über ihn selber nichts zu erfahren. Seine Witwe, wenn er denn verheiratet war, hat nach 1661 in Tergast nicht geheiratet; auch Kinder sind nicht bekannt.
Mehr Aufschluß könnte vielleicht das Wappen geben, das unterhalb der Inschrift eingemeißelt wurde: ein Krähenfuß über zwei ausgebreiteten Adlerschwingen. Der Ritterhelm darüber deutet vielleicht auf ein Ritter- oder Häuptlingsgeschlecht hin - mit einer Burg in Tergast oder auf Sieve?
Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß sich auf dem Kirchhof, insbesondere auf der Südseite, weitere historische Grabsteine und Grabplatten befinden, die zur Ortsgeschichte von Tergast interessante Informationen liefern.
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4. Die Orgel von Tergast
Einst stand auf einer kleinen Empore an der Lettnermauer eine „kleine, aus einer Hausorgel hergestellte, im Jahre 1817 erbaute Orgel mit kunstvollen Schnitzwerken“ (W. Kaufmann, Die Orgeln Ostfrieslands, 1968). Von dieser Orgel haben sich leider nur Photographien aus den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts erhalten. Der Verbleib des Instruments ist unbekannt.
1939 wurde die Empore abgebrochen und zugleich eine neue Orgel eingebaut. Diese stammt aus der reformierten Kirche in Neustadtgödens und wurde von 1845 bis 1850 von Gerd Sieben Janssen aus Aurich gebaut. Der Norder Orgelbauer Puchar, der seine Werkstatt in Emden hatte, nahm die Aufstellung des Instrumentes in Tergast vor und betreute die Orgel zusammen mit dem langjährigen Organisten, Herrn G. Dirks aus Oldersum, bis in die sechziger Jahre. Sie hatte folgende Disposition:
1. Prinzipal 4'
2. Gedackt 8'
3. Flöte 8'
4. Flöte 4'
5. Oktave2'
6. Sesquialtera II
7. Zimbel III B/D angehängtes Pedal C -
Durch den Einbau einer Luftheizung hatte die Orgel in den letzten Jahren stark gelitten. Eine größere Restaurierung war somit nötig geworden. Durch einen namhaften Zuschuß der ten Doornkat Koolmann Stiftung, der Ev.-ref. Kirche und durch Spenden aus der Gemeinde Tergast selbst konnten die Arbeiten schließlich finanziert und im Herbst/ Winter 1999/2000 durchgeführt werden. Die Schäden, die am Gehäuse durch Austrocknung entstanden waren, wurden ausgebessert. Die Windlade ist generalüberholt worden und nun wieder winddicht. Stöcke und Raster wurden teilweise ersetzt, teilweise restauriert. Der alte Sackbalg wurde durch den Nachbau des ursprünglichen Schöpfbalges ersetzt. Die Klaviatur wurde weitgehend überarbeitet. Das Pfeifenwerk konnte repariert werden. Umfangreiche Forschungen ergaben, daß die Orgel ursprünglich ein Zungenregister, und zwar eine Trompete, beherbergte. Dank einer großzügigen Nachfinanzierung durch die Ev.-ref. Kirche konnte auch hier der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt werden: ein wunderschönes Trompetenregister nach dem Vorbild anderer Arbeiten von Janssen erklingt nun wieder in Tergast. Nun hat die Orgel folgende Disposition: 1. Prinzipal4'
2. Gedackt 8'
3. Viola da Gamba 8'
4. Flaute Travers 4'
5. Octave 2'
6. Rauschpfeife 2fach
7. Trompete 8' Diskant und Baß
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß das Instrument so schonend wie möglich in einen Zustand zurückversetzt wurde, der dem ursprünglichen Instrument möglichst nahe kommt. Dabei sind die gravierendsten Fehler der jüngsten Vergangenheit behoben worden. Nun ist die Orgel wieder zuverlässig spielbar und gehört zu Recht „zu den wichtigsten Beispielen des Orgelbaus aus der Mitte des 19. Jahrhundert in Ostfriesland“, wie der landeskirchliche Orgelsachverständige in einem Gutachten aus dem Jahr 1991 schreibt.
Im Zuge der Arbeiten an unserer Tergaster Orgel ist das gesamte Werk Gerd Sieben Janssens neu ins Licht der Aufmerksamkeit gerückt. Bisher galt er eher als ein rustikaler Orgelbauer, dem nur beiläufig Interesse gezollt wurde. Doch er erscheint jetzt in einem ganz anderen Licht. Weiteren Aufschluß über seine Vorstellungen vom Orgelbau wird vermutlich die demnächst anstehende Restaurierung der Janssen-Orgel in der Ev.-ref. Kirche zu Aurich geben.
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